Biographie von Sofia Gubaidulina
Sofia Gubaidulina wurde am 24. Oktober 1931 in Tschistopol (Republik Tatarstan) geboren und lebt seit 1992 in der Nähe von Hamburg.
Seit über zwei Jahrzehnten gehört Sofia Gubaidulina zu den führenden, weltweit anerkannten Komponisten Russlands in der Ära nach Schostakowitsch. Dies bekunden die vielen Aufträge namhafter Institutionen (darunter BBC, Berliner Festwochen, The New York Philharmonic) sowie die stattliche Zahl der CD-Einspielungen.
Im Jahre 1999 wurde sie in den Orden "Pour le mérite" aufgenommen, ferner ist sie Mitglied der Akademie der Künste in Berlin, der Freien Akademie der Künste in Hamburg sowie der Königlichen Musikakademie Stockholm. Zu den zahlreichen nationalen und internationalen Preisen gehören unter anderem der Koussevitzky International Record Award (1989 und 1994), der Prix de Monaco (1987), der Russische Staatspreis (1992), der japanische Kaiserpreis Praemium Imperiale (1998), die Ehrenmedaille der Stockholmer Konzerthausstiftung in Gold (2000), die Goethe-Medaille der Stadt Weimar (2001), der Polar-Musikpreis (2002), das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (2002), der Hamburger Bach-Preis (2007) sowie der Preis der Europäischen Kirchenmusik (2009). Im Rahmen der Cannes Classical Awards wurde sie zum Living Composer 2003 gewählt und 2006 wurde sie von der Moskauer Musikzeitschrift Musykalnoje obosrenije zur "Person des Jahres 2006" gekürt.
Die Musik von Sofia Gubaidulina
Ihre Schreibweise ist plastisch und gut nachvollziehbar, formal und dramaturgisch klar gezeichnet, voller Bezüge auf die musikalische Tradition und emotional von hoher Leuchtkraft, so dass sich das Hören ihrer Musik bereits bei der ersten Begegnung zu einem Erlebnis gestaltet. Es ist die Suche nach einer geistigen Welt, die vom alltäglichen Zeiterleben abgekoppelt ist. Unberührt von den modischen Stilrichtungen bezieht sie sich auf ihre tatarische Abstammung, die sich in einer östlichen Geisteshaltung ausprägt, vor allem, was das Verhältnis zur Zeit betrifft. Zugleich ist sie der deutschen Kultur innerlich verbunden.
Vor allem komponiert sie mit der Seele, und jedes Stück, das aufgeführt wird, berührt tief-verborgene Schichten, wenn man sich den Klängen öffnet. "Ob ich modern bin oder nicht, ist mir gleichgültig. Wichtig ist mir die innere Wahrheit meiner Musik". (Sofia Gubaidulina)
Gubaidulinas Musik geht mit der Kraft zur inneren Sammlung über das rein Musikalische hinaus. Dies vermitteln sowohl groß besetzte Werke, wie die im Jahr 2000 entstandene "Johannes-Passion", als auch Kompositionen für kammermusikalische Formationen, darunter ein "De profundis" für Akkordeon solo. In allen Werken der tiefreligiösen Komponistin sind Bezugnahmen auf den christlichen Glauben eingeschrieben, die schon durch den Werktitel zum Ausdruck kommen. Gubaidulinas voraussetzungslos wirkende Musik ist von ausbalancierter Architektur. "Ich schaue immer nach oben", bekundete Sofia Gubaidulina zur Aufführung ihres jüngsten Violinkonzertes "In tempus praesens" (2008), von dem Anne-Sophie Mutter sagt, es habe sie "zu einem neuen Menschen gemacht".
Vielleicht ist dieses Interesse an der Welt, den Menschen, dem Spirituellen das Geheimnis für die unmittelbare Wirkung ihrer Musik. Ihre Werke strahlen etwas ganz Besonderes aus, sind hochemotional, berühren beim ersten Hören und sind dabei komplex strukturiert. Stets ist Gubaidulina auf der Suche nach dem Spirituellen und benutzt die Musik als eine Art Medium, sich "dem Unerklärlichen zu nähern". Dabei geht es ihr immer um das "Ganze", um die "elementare, das menschliche Dasein verändernde Kraft der Musik".
"Das wichtigste Ziel eines Kunstwerks ist meiner Ansicht nach die Verwandlung der Zeit", sagte Gubaidulina. "Der Mensch hat diese andere Zeit – die Zeit des Verweilens der Seele im Geistigen – in sich. Doch kann sie verdrängt werden durch unser alltägliches Zeiterleben."
Gubaidulina schreibt eine Musik, die direkt zur Seele spricht. Ihre Stücke leben vom Klang, der ohne den Umweg über kunstvolle Formen mit der Unmittelbarkeit eines Naturereignisses auf die Hörer eindringt. Neue Kompositionsmittel verbinden sich mit traditionellen Formen (zu ihren wichtigen Bezugsfiguren gehört J.S. Bach), und formale Perfektion geht Hand in Hand mit künstlerischer Spontaneität.
Sofia Gubaidulinas Bemerkung, dass sie ein Werk wachsen lasse wie eine Pflanze, verrät viel über ihre Persönlichkeit und die Art ihrer Arbeitsweise. Etwas Vollendetes kann ihrer Ansicht nach nur entstehen, "wenn man es ruhig gedeihen lässt".
Im nächsten Jahr wird die russische Komponistin achtzig und kann auf einen wahrhaft gigantischen Werkkatalog zurückblicken.